PreventADALL: Statistisch fragiler Befund
Ref. 33
„Eine große randomisiert-kontrollierte, populationsbasierte Studie in Norwegen mit nahezu 2400 Neugeborenen (PreventADALL Studie) zeigte bei früher Einführung von Beikost mit gängigen Nahrungsmitteln (Kuhmilch, Weizen, Ei, Erdnüsse) im Vergleich zu späterer Einführung mit 3 Jahren eine Risikoreduktion für jegliche Nahrungsmittelallergie um 60%, für eine Kuhmilchallergie um 70 % und für eine Erdnussallergie um 60 % (33).
- „The low prevalence of food allergies other than peanut reduces the power to address the intervention effect on these allergies. Risk differences were subsequently not reported for these individual interventional foods."
- „The reduced prevalence of food allergy among participants in the food intervention group was observed for peanut, but not the other specific foods."
- „as expected in such studies, parental atopy was over-represented in our study compared with the general population."
EFSA-Bericht: Aussage außerhalb des Bewertungsgegenstands
Ref. 24
„Auch eine systematische Evidenzbewertung der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) zeigte keinen infektionsprotektiven Effekt einer längeren ausschließlichen Stilldauer (24)."
„The health benefits of breastfeeding itself are out of scope of this opinion.“
MoBa-Studie: Selektive Nutzung derselben Quelle
Ref. 23
„Gegen diese Schlussfolgerungen sprechen die Ergebnisse einer bevölkerungsweiten norwegischen Studie mit ca. 70.000 Säuglingen, die keinerlei Erhöhung des Risikos für Infektionen bei früherer Beikostgabe fand, z. B. auch nicht bei erster Beikostgabe im 4.–6. Monat im Vergleich zum 7. Monat (23)."
- „we found a small but significant trend for lower risk for hospitalisations for infections for each month of delaying complementary foods in breastfed infants."
- „Breastfeeding for ≤ 6 months compared to ≥ 12 months was associated with an increased risk" — aRR 1,22 (95 %-KI 1,14–1,31).
- „…to fully breast-feed for 4 months and to continue breast-feeding beyond 6 months."
- „The estimated associations were weaker and non-significant in the sibling analysis."
Mütterliche mentale Gesundheit: Behauptung widerlegbar
Leitlinienreport
„Ausgeschlossen wurden dagegen von Delegierten geforderte, klinisch relevante Endpunkte, wie …. Auswirkungen auf mütterliche mentale Gesundheit."
Tabelle 4 — „Weitere als relevant eingeschätzte Outcomes“ führt unter der Kategorie Mütter ausdrücklich „Depression“ auf. In Tabelle 7 (PECO 1) und Tabelle 8 (PECO 2) erscheint „Depression (Mutter)“ jeweils ohne Sternchen – Studien vorhanden, Endpunkt aktiv bewertet.
WHO-Empfehlung: Relativierung ohne Grundlage
„Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab bis zum Jahr 2001 eine ähnliche Empfehlung, aber rät seitdem für Populationen weltweit zu ausschließlichem Stillen… begründet vor allem durch einen damit assoziierten Schutz von infektionsbedingter Morbidität und Mortalität in Ländern mit niedrigem bzw. niedrig-mittlerem Einkommen… Für Bedingungen wie in Westeuropa liegt eine entsprechende Datenlage jedoch nicht vor."
- „This guideline provides global, normative evidence-based recommendations on complementary feeding of infants and young children 6–23 months of age living in low, middle- and high-income countries."
- Und aus dem zugehörigen Multisociety-Response-Paper (Ref. 7 des Artikels):
- „The WHO guideline is applicable in low-, middle-, and high-income settings alike."
Allergieprävention: Konstruierter Gegensatz
Ref. 32
„Zahlreiche neuere, randomisiert kontrollierte Interventionsstudien belegen eine sehr deutliche Risikoreduktion für kindliche Nahrungsmittelallergien bei früherer Einführung von Beikost mit bestimmten Allergenen (z. B. durcherhitztes Hühnerei, Erdnuss) vor dem Alter von 6 Monaten (8, 30–32)."
- „Introducing specific foods (peanut, cooked egg) early probably reduces the risk of specific FA. The evidence for other allergic outcomes was mostly very uncertain and based on few primary studies."
- „it remains unclear whether the timing of CF in general is effective in preventing food allergy (as a whole) and other allergic diseases."
- „Future research should focus on producing high quality trials and SRs that allow drawing more trustworthy conclusions."
Deuterium-Studien: Afrikanische Daten
Refs. 17–19
Zitat Koletzko et al. (S. 289): Mütterliche Angaben zeigen eine Überschätzung ausschließlichen Stillens um 40 Prozent oder sogar um das 2 bis 5-fache. Die Erfassung durch Befragungen ist demnach sehr unzuverlässig.
„Given the challenges experienced on a daily basis in many regions of Africa, such as inadequate sanitation and drinking water supply… the promotion and support of EBF is of paramount importance for African countries. Equally important therefore is… care should be given as to the method of choice of evaluation of EBF rates given the limitations of maternal recall."
Kariesrisiko: Selektive Darstellung
Ref. 35
„Eine aktuelle systematische Datenanalyse mit Einschluss von 31 Studien (28 000 Kinder) fand ausschließliches Stillen unter 6 Monaten mit einem um etwa die Hälfte reduzierten Kariesrisiko im frühen Kindesalter assoziiert, während Stillen für mehr als 12 Monate und nächtliches Stillen mit einem 2,4–7,1fach höheren Kariesrisiko assoziiert war (35)."
- „Exclusive breastfeeding through six months of age confers a consistent protective effect against early childhood caries (ECC), with meta-analyses reporting odds ratios between 0.53 and 0.58."
- „Breastfeeding beyond primary tooth eruption — particularly beyond 12 months — carries a dose-dependent increase in ECC probability (ORs 1.60–1.86), with nocturnal feeds amplifying risk substantially (ORs 2.35–7.14)."
Zitationsfehler: KJA Ref. 35 laut vollständiger Referenzliste ist Rowles et al. 2025 (Sci Rep 15:13572), eine Studie zu Stillschwierigkeiten und mütterlicher mentaler Gesundheit. Die gemeinte Karies-Quelle (Tanase et al. 2026, Children 13:102) fehlt in der KJA-Referenzliste vollständig.
Widerspruch: Mitautor der von ihm selbst kritisierten Empfehlung
Ref. 3
„Für Säuglinge in Deutschland und Europa rechtfertigt die vorhandene Datenlage keine spezifischen Empfehlungen zu einer Dauer des ausschließlichen oder überwiegenden Stillens für 6 Monate mit der Einführung von Beikost erst im 7. Lebensmonat oder einer Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten."
„Mothers should be supported to exclusively breastfeed their healthy term infant for 6 months and to then continue breastfeeding alongside complementary feeding for as long as they wish. The WHO recommends continued breastfeeding for 2 years or beyond."
Damit widerspricht der Autor sich inhaltlich: Er empfiehlt 2023 als Mitautor 6 Monate ausschließliches Stillen als globalen Standard, um 2026 zu argumentieren, diese Dauer solle in einer deutschen AWMF S3-Leitlinie nicht empfohlen werden. Auch widerspricht er sich strukturell: Die 6-Monats-Empfehlung der WHO sei geografisch nicht auf Westeuropa übertragbar – eine geografische Einschränkung, die sein eigenes IPA-Paper nicht macht.
Herr Koletzko unterzeichnet eine weltweite Empfehlung für 6 Monate ausschließlichen Stillens. Alsdann erklärt er, warum diese Empfehlung (für Deutschland) nicht zu gelten habe. Beides kann nicht gleichzeitig wahr sein.
Veraltete bzw. unpassende Referenzen
Refs. 7 bzw. 9 bzw. 10
„Diese Empfehlungen entsprechen den Richtlinien europäischer und amerikanischer Fachgesellschaften (7–9) und der großen Mehrzahl nationaler Empfehlungen europäischer Länder (10)."
Ref. 7 ist eine Antwort von vorwiegend allergologischen Fachgesellschaften auf die WHO-Leitlinie 2023 zur Ergänzungsernährung im Alter 6–23 Monate – kein pädiatrischer Konsens zur Stilldauer. Ref. 8 betrifft Allergieprävention, nicht Stillempfehlungen. Als Belege für die behauptete Übereinstimmung mit amerikanischen und europäischen Fachgesellschaften sind beide ungeeignet.
Ref. 9 ist eine AAP-Empfehlung aus dem Jahr 2000. Die AAP hat ihre Position seitdem dreimal aktualisiert und empfiehlt seit 2005 durchgehend 6 Monate ausschließliches Stillen.
„The American Academy of Pediatrics (AAP) recommends exclusive breastfeeding for approximately 6 months after birth. Furthermore, the AAP supports continued breastfeeding, along with appropriate complementary foods introduced at about 6 months, as long as mutually desired by mother and child for 2 years or beyond."
Ref. 10 ist Koletzkos eigenes Paper zu nationalen Empfehlungen in der WHO-Europa-Region. Es zeigt: 74 % der europäischen WHO-Mitgliedsstaaten empfehlen 6 Monate als ideales Alter für die Beikosteinführung. Die Quelle beschreibt damit das Gegenteil der Behauptung, für die sie angeführt wird.
Schluss
Management Summary
- Selektives Reporting
- Aus den geprüften Referenzen wird ausschließlich der zur eigenen These passende Teilbefund zitiert. Gegenläufige Befunde aus denselben Quellen bleiben konsequent unerwähnt — MoBa-Stilldauereffekt, WHO-Anwendbarkeit auf Hocheinkommensländer, Kuper-Einschränkung zur allgemeinen CF-Timing-Evidenz, protektiver Karies-Effekt.
- Asymmetrische Evidenzstandards
- Für Stillwirkungen werden strenge Anforderungen an RCT-Evidenz formuliert. Für Beikost- und Allergieeffekte werden statistisch fragile Einzelbefunde (n = 4, nicht signifikant, von Autoren der Originalarbeit verworfen) als klinische Wirkungsnachweise präsentiert.
- Sachlich falsche Behauptung
- Der Vorwurf, mütterliche mentale Gesundheit sei als Endpunkt ausgeschlossen worden, ist durch drei Textstellen im publizierten Leitlinienreport direkt widerlegbar.
- Interner Widerspruch
- Herr Koletzko argumentiert gegen die 6-Monats-Empfehlung, während er in 2023 eine internationale Empfehlung mit herausgegeben hat, die genau diese Dauer als Standard setzt.
- Eigenmächtige Quelleninterpretation
- Mehrfach wird Quellen eine Aussage zugeschrieben, die sie nicht enthalten. Der EFSA-Bericht klammert die Gesundheitsvorteile des Stillens ausdrücklich aus — wird aber als Beleg zitiert, dass längeres Stillen keinen Infektionsschutz biete. Die WHO-Leitlinie gilt ausdrücklich für alle Einkommensländer — wird aber als auf Niedrigeinkommensländer begrenzt dargestellt. Die Deuterium-Studien beschreiben ihre Ergebnisse als afrikanischen Kontext — werden aber zur Entwertung westeuropäischer Stilldaten herangezogen. In allen drei Fällen steht das Gegenteil in der zitierten Quelle selbst.
- Interessenkonflikte in der Leitlinie
- Dres. Koletzko, Mihatsch und Jochum wurden im Prozess der S3-Leitlinie „Stilldauer“ aufgrund erheblicher Interessenkonflikte von der AWMF selbst von allen Abstimmungen ausgeschlossen. Herr Jochum verließ die Leitliniengruppe. Die Herren Koletzko und Mihatsch verblieben ohne weitere Stimmrechte in der Leitlinie.
- Interessenkonflikte Autoren
- Drei der fünf Autoren deklarieren diverse finanzielle Zuwendungen von Danone, Nestlé, Hipp und Reckitt. Die argumentative Stoßrichtung des gesamten Artikels – kürzere Stillempfehlungen, daher frühere Beikosteinführung – deckt sich strukturell mit den wirtschaftlichen Interessen ebendieser Unternehmen. Die Deklaration ist formal korrekt. Das beschriebene Muster selektiver Quellennutzung und -interpretation ist im Zusammenhang mit den erheblichen Interessenkonflikten nicht nur eine Randnotiz.
Literaturverzeichnis
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