Kommentar & Quellenanalyse

Methodische Analyse · Kinder- & Jugendarzt 57/2026

Zwischen Emotion und Evidenz

Zur Quellenverwendung im gleichnamigen Artikel von Koletzko et al.

Autor:innen
von Gartzen A1, Hesels VM1,2, Abou-Dakn M3,4, Grylka S5,6, Längler A7,8
  1. 1 Nationale Stillförderung, Sankt Augustin, Deutschland
  2. 2 WHO/UNICEF-Initiative Babyfreundlich, Oberhausen, Deutschland
  3. 3 Joseph-Kliniken Berlin, Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, Berlin, Deutschland
  4. 4 Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Berlin, Deutschland
  5. 5 Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit, Winterthur, Schweiz
  6. 6 Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V., Peine, Deutschland
  7. 7 Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin, Herdecke, Deutschland
  8. 8 Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Professur für integrative Kinder- und Jugendmedizin, Witten, Deutschland
Korrespondenz
Datum
Juli 2026
Artikel

Koletzko et al. 2026 „Stillempfehlungen zwischen Evidenz und Emotion“. Kinder- und Jugendarzt, 57. Jg. (2026), Nr. 05/26, S. 286–292.

Parallele

Koletzko BV et al. Breastfeeding Recommendations: Torn Between Evidence and Emotions — A Commentary. Nutrients 2026;18(10):1498.

Hinweis

Die Publikationen sind inhaltlich identisch. Die Referenznummern weichen ab: Im KJA-Artikel ist PreventADALL Ref. 33, im Nutrients-Artikel Ref. 32. Dieser Kommentar bezieht sich durchgehend auf die KJA-Nummerierung.

Vorbemerkung

In dem im Mai 2026 in der Fachzeitschrift Kinder- und Jugendarzt sowie in Nutrients (2026;18(10):1498) veröffentlichten Artikel formuliert die Autorengruppe Widerspruch gegen die aktuell erschienene AWMF S3-Leitlinie „Stilldauer“ (Stand: Februar 2026). Die vorliegende Analyse überprüft zentrale Faktenbehauptungen, Quelleninterpretationen und methodische Schlussfolgerungen. Aufgrund der Fülle an Fundstellen wird hier eine exemplarische Auswahl veröffentlicht.

Mehrere beteiligte Autoren deklarieren finanzielle Beziehungen zu Herstellern von Säuglingsnahrung, darunter Danone, Nestlé, Hipp und Reckitt. Angesichts der im Folgenden aufgezeigten selektiven Quelleninterpretationen ist dieser Kontext für die Einordnung der Evidenzdarstellung relevant.

01

PreventADALL: Statistisch fragiler Befund

Ref. 33

Zitat Koletzko et al.
„Eine große randomisiert-kontrollierte, populationsbasierte Studie in Norwegen mit nahezu 2400 Neugeborenen (PreventADALL Studie) zeigte bei früher Einführung von Beikost mit gängigen Nahrungsmitteln (Kuhmilch, Weizen, Ei, Erdnüsse) im Vergleich zu späterer Einführung mit 3 Jahren eine Risikoreduktion für jegliche Nahrungsmittelallergie um 60%, für eine Kuhmilchallergie um 70 % und für eine Erdnussallergie um 60 % (33).
Koletzko et al., S. 290
Einordnung der Quelle
Die Originalarbeit (Skjerven et al., Lancet 2022;399:2398–2411) weist für Kuhmilchallergie in Table 2 aus: Kontrollgruppe 3 Fälle (0,3 %), Interventionsgruppe 1 Fall (0,1 %). OR 0,3 — 95 %-KI 0,0–3,1. Nicht signifikant. Gesamtfallzahl: n = 4. Zusätzlich: Die Studie selbst bezeichnet ihre Population als nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung.
Widerlegung – Zitat Originalarbeit
  • „The low prevalence of food allergies other than peanut reduces the power to address the intervention effect on these allergies. Risk differences were subsequently not reported for these individual interventional foods."
  • „The reduced prevalence of food allergy among participants in the food intervention group was observed for peanut, but not the other specific foods."
  • „as expected in such studies, parental atopy was over-represented in our study compared with the general population."
Befund
Koletzko et al. extrahieren den rechnerischen Punktschätzer (OR 0,3 ≈ 70 % Reduktion) und stellen ihn als eigenständigen klinischen Wirkungsnachweis dar — obwohl die Autoren der Originalarbeit diesen Befund wegen fehlender statistischer Aussagekraft ausdrücklich nicht als belastbaren Einzelbefund interpretieren und im Diskussionsteil anmerken, ihn aus diesem Grund nicht einmal in den Ergebnisteil aufzunehmen. Für Ei- und Weizenallergie gilt Entsprechendes; bei Weizen wurden null Fälle in beiden Gruppen beobachtet. Die von Koletzko et al. gewählte Bezeichnung als „populationsbasiert“ ist irreführend: Die überrepräsentierte elterliche Atopie erhöht das Basisrisiko der Kontrollgruppe und damit die relative Effektgröße künstlich.
02

EFSA-Bericht: Aussage außerhalb des Bewertungsgegenstands

Ref. 24

Zitat Koletzko et al.
„Auch eine systematische Evidenzbewertung der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) zeigte keinen infektionsprotektiven Effekt einer längeren ausschließlichen Stilldauer (24)."
Koletzko et al., S. 290
Einordnung der Quelle
Der EFSA-Bericht (NDA Panel, EFSA Journal 2019;17:e05780) bewertet ausschließlich die Frage, ab welchem Alter Beikost sicher eingeführt werden kann. Die Frage, ob Stillen vor Infektionen schützt, ist explizit ausgeklammert.
Widerlegung – Zitat EFSA-Bericht

„The health benefits of breastfeeding itself are out of scope of this opinion.“

Befund
Aus „frühere Beikost ist nicht mit klaren Nachteilen verbunden“ wird einfach: „längeres ausschließliches Stillen schützt nicht vor Infektionen.“ Der EFSA-Bericht trifft zur infektionsprotektiven Wirkung längeren Stillens keine Aussage — diese Frage liegt ausdrücklich außerhalb des Bewertungsgegenstands. Koletzko et al. schreiben ihm ein Ergebnis zu, das er gar nicht untersucht.
03

MoBa-Studie: Selektive Nutzung derselben Quelle

Ref. 23

Zitat Koletzko et al.
„Gegen diese Schlussfolgerungen sprechen die Ergebnisse einer bevölkerungsweiten norwegischen Studie mit ca. 70.000 Säuglingen, die keinerlei Erhöhung des Risikos für Infektionen bei früherer Beikostgabe fand, z. B. auch nicht bei erster Beikostgabe im 4.–6. Monat im Vergleich zum 7. Monat (23)."
Koletzko et al., S. 290
Einordnung der Quelle
Størdal et al. (J Pediatr Gastroenterol Nutr 2017;65:225–231, n = 70.511) untersuchten sowohl den Beikostzeitpunkt als auch die Stilldauer als eigenständige Variablen für das Hospitalisierungsrisiko wegen schwerer Infektionen. Der zitierte Teilbefund zum Beikostzeitpunkt ist korrekt (aRR 0,95; 95 %-KI 0,88–1,03; n. s.).
Widerlegung – Zitat Originalarbeit
  • „we found a small but significant trend for lower risk for hospitalisations for infections for each month of delaying complementary foods in breastfed infants."
  • „Breastfeeding for ≤ 6 months compared to ≥ 12 months was associated with an increased risk" — aRR 1,22 (95 %-KI 1,14–1,31).
  • „…to fully breast-feed for 4 months and to continue breast-feeding beyond 6 months."
  • „The estimated associations were weaker and non-significant in the sibling analysis."
Befund
Koletzko et al. zitieren ausschließlich den Teilbefund, der ihre These stützt. Die Autoren der Originalarbeit aber präsentieren weitere Daten: Jeder Monat späterer Beikosteinführung war mit geringerem Infektionsrisiko assoziiert; kürzeres Stillen erhöhte das Hospitalisierungsrisiko signifikant. Die Autoren der Originalarbeit leiten daraus eine Empfehlung für längeres Stillen ab.
04

Mütterliche mentale Gesundheit: Behauptung widerlegbar

Leitlinienreport

Zitat Koletzko et al.
„Ausgeschlossen wurden dagegen von Delegierten geforderte, klinisch relevante Endpunkte, wie …. Auswirkungen auf mütterliche mentale Gesundheit."
Koletzko et al., S. 290
Einordnung der Quelle
Der offizielle Leitlinienreport (Revision 2, Dezember 2025, AWMF-Register 027-072) dokumentiert die vollständige Relevanz-Bewertung aller Endpunkte.
Widerlegung – Zitat Leitlinienreport (AWMF 027-072)

Tabelle 4 — „Weitere als relevant eingeschätzte Outcomes“ führt unter der Kategorie Mütter ausdrücklich „Depression“ auf. In Tabelle 7 (PECO 1) und Tabelle 8 (PECO 2) erscheint „Depression (Mutter)“ jeweils ohne Sternchen – Studien vorhanden, Endpunkt aktiv bewertet.

Befund
Die von Koletzko et al. getroffene Behauptung ist durch direkte Textstellen in dem publizierten Protokolldokument widerlegbar. Erneut erstaunt die freie Interpretation von Koletzko et al.
05

WHO-Empfehlung: Relativierung ohne Grundlage

Zitat Koletzko et al.
„Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab bis zum Jahr 2001 eine ähnliche Empfehlung, aber rät seitdem für Populationen weltweit zu ausschließlichem Stillen… begründet vor allem durch einen damit assoziierten Schutz von infektionsbedingter Morbidität und Mortalität in Ländern mit niedrigem bzw. niedrig-mittlerem Einkommen… Für Bedingungen wie in Westeuropa liegt eine entsprechende Datenlage jedoch nicht vor."
Koletzko et al., S. 286
Einordnung der Quelle
Die WHO formuliert ihre Empfehlung ausdrücklich nicht geographisch begrenzt.
Widerlegung – WHO Guideline for Complementary Feeding 2023 (Ref. 12)
  • „This guideline provides global, normative evidence-based recommendations on complementary feeding of infants and young children 6–23 months of age living in low, middle- and high-income countries."
  • Und aus dem zugehörigen Multisociety-Response-Paper (Ref. 7 des Artikels):
  • „The WHO guideline is applicable in low-, middle-, and high-income settings alike."
Befund
Die Einschränkung auf Entwicklungsländer stammt aus der persönlichen Interpretation der Autoren. Die WHO begrenzt ihre Empfehlung explizit nicht geographisch.
06

Allergieprävention: Konstruierter Gegensatz

Ref. 32

Zitat Koletzko et al.
„Zahlreiche neuere, randomisiert kontrollierte Interventionsstudien belegen eine sehr deutliche Risikoreduktion für kindliche Nahrungsmittelallergien bei früherer Einführung von Beikost mit bestimmten Allergenen (z. B. durcherhitztes Hühnerei, Erdnuss) vor dem Alter von 6 Monaten (8, 30–32)."
Koletzko et al., S. 290
Einordnung der Quelle
Die referenzierten allergologischen Übersichtsarbeiten untersuchen die frühe Einführung spezifischer Allergene, insbesondere Ei und Erdnuss. Ref. 32 ist Kuper et al. (Clin Exp Allergy 2023;53:1243–1255) — von Koletzko et al. selbst zitiert.
Widerlegung – Zitat aus Koletzkos eigener Ref. 32 (Kuper et al. 2023)
  • „Introducing specific foods (peanut, cooked egg) early probably reduces the risk of specific FA. The evidence for other allergic outcomes was mostly very uncertain and based on few primary studies."
  • it remains unclear whether the timing of CF in general is effective in preventing food allergy (as a whole) and other allergic diseases."
  • Future research should focus on producing high quality trials and SRs that allow drawing more trustworthy conclusions."
Befund
Die von Koletzko et al. angegebenen Quellen stützen spezifische allergologische Präventionsstrategien für Erdnuss und Ei. Sie stützen nicht die im Artikel konstruierte Gegenüberstellung „frühe Allergenexposition versus längeres Stillen“. Der Gegensatz entsteht erst in der Argumentation von Koletzko et al. — wird aber durch die eigene zitierte Quelle ausdrücklich eingeschränkt.
07

Deuterium-Studien: Afrikanische Daten

Refs. 17–19

Zitat Koletzko et al.
Zitat Koletzko et al. (S. 289): Mütterliche Angaben zeigen eine Überschätzung ausschließlichen Stillens um 40 Prozent oder sogar um das 2 bis 5-fache. Die Erfassung durch Befragungen ist demnach sehr unzuverlässig.
Koletzko et al., S. 289
Einordnung der Quelle
Die zitierten Extremwerte entstammen Einzelstudien in Burkina Faso, Südafrika und Botswana unter Bedingungen eingeschränkter Sanitärversorgung und unsicherer Trinkwasserverfügbarkeit.
Widerlegung – Zitat aus Koletzkos eigener Ref. 19 (Mulol et al. 2020)

„Given the challenges experienced on a daily basis in many regions of Africa, such as inadequate sanitation and drinking water supply… the promotion and support of EBF is of paramount importance for African countries. Equally important therefore is… care should be given as to the method of choice of evaluation of EBF rates given the limitations of maternal recall."

Befund
Die Autoren der Studie beschreiben ihre Ergebnisse ausdrücklich im afrikanischen Versorgungskontext und als Argument für Stillförderung in Afrika – nicht als Beleg für die Unzuverlässigkeit von Stilldaten in Westeuropa. Erneut erstaunt die freie Interpretation der Autoren.
08

Kariesrisiko: Selektive Darstellung

Ref. 35

Zitat Koletzko et al.
„Eine aktuelle systematische Datenanalyse mit Einschluss von 31 Studien (28 000 Kinder) fand ausschließliches Stillen unter 6 Monaten mit einem um etwa die Hälfte reduzierten Kariesrisiko im frühen Kindesalter assoziiert, während Stillen für mehr als 12 Monate und nächtliches Stillen mit einem 2,4–7,1fach höheren Kariesrisiko assoziiert war (35)."
Koletzko et al., S. 290–291
Einordnung der Quelle
Die referenzierte Übersichtsarbeit beschreibt gleichzeitig konsistente protektive Effekte exklusiven Stillens in den ersten sechs Lebensmonaten. Zudem gilt der OR-Bereich 2,35–7,14 ausschließlich für nächtliches Stillen, nicht für Stillen über 12 Monate generell (dort OR 1,60–1,86).
Widerlegung – Zitat Originalarbeit (PMC12840144, 2025)
  • „Exclusive breastfeeding through six months of age confers a consistent protective effect against early childhood caries (ECC), with meta-analyses reporting odds ratios between 0.53 and 0.58."
  • „Breastfeeding beyond primary tooth eruption — particularly beyond 12 months — carries a dose-dependent increase in ECC probability (ORs 1.60–1.86), with nocturnal feeds amplifying risk substantially (ORs 2.35–7.14)."
Befund
Koletzko et al. fassen beide Kategorien in einem Bereich zusammen. Die Leitlinie empfiehlt Stillen für mindestens 12 Monate – der Bereich mit OR 1,60–1,86, nicht 2,35–7,14. Der protektive Effekt des exklusiven Stillens bis 6 Monate bleibt in der Argumentation vollständig unerwähnt.

Zitationsfehler: KJA Ref. 35 laut vollständiger Referenzliste ist Rowles et al. 2025 (Sci Rep 15:13572), eine Studie zu Stillschwierigkeiten und mütterlicher mentaler Gesundheit. Die gemeinte Karies-Quelle (Tanase et al. 2026, Children 13:102) fehlt in der KJA-Referenzliste vollständig.
09

Widerspruch: Mitautor der von ihm selbst kritisierten Empfehlung

Ref. 3

Zitat Koletzko et al.
„Für Säuglinge in Deutschland und Europa rechtfertigt die vorhandene Datenlage keine spezifischen Empfehlungen zu einer Dauer des ausschließlichen oder überwiegenden Stillens für 6 Monate mit der Einführung von Beikost erst im 7. Lebensmonat oder einer Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten."
Koletzko et al., S. 291
Einordnung der Quelle
Herr Koletzko ist Mitautor des IPA-Positionspapiers, das er im vorliegenden Artikel als Ref. 3 zitiert.
Widerlegung – Ref. 3 (Fewtrell M et al., Ann Nutr Metab 2023; Mitautor: B. Koletzko)

„Mothers should be supported to exclusively breastfeed their healthy term infant for 6 months and to then continue breastfeeding alongside complementary feeding for as long as they wish. The WHO recommends continued breastfeeding for 2 years or beyond."

Befund
Herr Koletzko ist Mitautor des IPA-Positionspapiers. Das Paper ist eine globale Empfehlung der International Pediatric Association für Kinderärzte weltweit – ohne geografische Einschränkung.

Damit widerspricht der Autor sich inhaltlich: Er empfiehlt 2023 als Mitautor 6 Monate ausschließliches Stillen als globalen Standard, um 2026 zu argumentieren, diese Dauer solle in einer deutschen AWMF S3-Leitlinie nicht empfohlen werden. Auch widerspricht er sich strukturell: Die 6-Monats-Empfehlung der WHO sei geografisch nicht auf Westeuropa übertragbar – eine geografische Einschränkung, die sein eigenes IPA-Paper nicht macht.

Herr Koletzko unterzeichnet eine weltweite Empfehlung für 6 Monate ausschließlichen Stillens. Alsdann erklärt er, warum diese Empfehlung (für Deutschland) nicht zu gelten habe. Beides kann nicht gleichzeitig wahr sein.
10

Veraltete bzw. unpassende Referenzen

Refs. 7 bzw. 9 bzw. 10

Zitat Koletzko et al.
„Diese Empfehlungen entsprechen den Richtlinien europäischer und amerikanischer Fachgesellschaften (7–9) und der großen Mehrzahl nationaler Empfehlungen europäischer Länder (10)."
Koletzko et al., S. 286
Einordnung der Quelle

Ref. 7 ist eine Antwort von vorwiegend allergologischen Fachgesellschaften auf die WHO-Leitlinie 2023 zur Ergänzungsernährung im Alter 6–23 Monate – kein pädiatrischer Konsens zur Stilldauer. Ref. 8 betrifft Allergieprävention, nicht Stillempfehlungen. Als Belege für die behauptete Übereinstimmung mit amerikanischen und europäischen Fachgesellschaften sind beide ungeeignet.

Ref. 9 ist eine AAP-Empfehlung aus dem Jahr 2000. Die AAP hat ihre Position seitdem dreimal aktualisiert und empfiehlt seit 2005 durchgehend 6 Monate ausschließliches Stillen.

Aktuelle AAP-Empfehlung 2022

„The American Academy of Pediatrics (AAP) recommends exclusive breastfeeding for approximately 6 months after birth. Furthermore, the AAP supports continued breastfeeding, along with appropriate complementary foods introduced at about 6 months, as long as mutually desired by mother and child for 2 years or beyond."

Befund
Die Empfehlung, auf die sich Koletzko et al. stützen, widerspricht also der aktuellen Position der zitierten Fachgesellschaft in allen wesentlichen Punkten. Der Verweis auf eine dreifach überholte Version ist kein Versehen der Autoren; neuere Fassungen waren zum Zeitpunkt der Publikation seit Jahren publiziert.

Ref. 10 ist Koletzkos eigenes Paper zu nationalen Empfehlungen in der WHO-Europa-Region. Es zeigt: 74 % der europäischen WHO-Mitgliedsstaaten empfehlen 6 Monate als ideales Alter für die Beikosteinführung. Die Quelle beschreibt damit das Gegenteil der Behauptung, für die sie angeführt wird.

Schluss

Management Summary

01
Selektives Reporting
Aus den geprüften Referenzen wird ausschließlich der zur eigenen These passende Teilbefund zitiert. Gegenläufige Befunde aus denselben Quellen bleiben konsequent unerwähnt — MoBa-Stilldauereffekt, WHO-Anwendbarkeit auf Hocheinkommensländer, Kuper-Einschränkung zur allgemeinen CF-Timing-Evidenz, protektiver Karies-Effekt.
02
Asymmetrische Evidenzstandards
Für Stillwirkungen werden strenge Anforderungen an RCT-Evidenz formuliert. Für Beikost- und Allergieeffekte werden statistisch fragile Einzelbefunde (n = 4, nicht signifikant, von Autoren der Originalarbeit verworfen) als klinische Wirkungsnachweise präsentiert.
03
Sachlich falsche Behauptung
Der Vorwurf, mütterliche mentale Gesundheit sei als Endpunkt ausgeschlossen worden, ist durch drei Textstellen im publizierten Leitlinienreport direkt widerlegbar.
04
Interner Widerspruch
Herr Koletzko argumentiert gegen die 6-Monats-Empfehlung, während er in 2023 eine internationale Empfehlung mit herausgegeben hat, die genau diese Dauer als Standard setzt.
05
Eigenmächtige Quelleninterpretation
Mehrfach wird Quellen eine Aussage zugeschrieben, die sie nicht enthalten. Der EFSA-Bericht klammert die Gesundheitsvorteile des Stillens ausdrücklich aus — wird aber als Beleg zitiert, dass längeres Stillen keinen Infektionsschutz biete. Die WHO-Leitlinie gilt ausdrücklich für alle Einkommensländer — wird aber als auf Niedrigeinkommensländer begrenzt dargestellt. Die Deuterium-Studien beschreiben ihre Ergebnisse als afrikanischen Kontext — werden aber zur Entwertung westeuropäischer Stilldaten herangezogen. In allen drei Fällen steht das Gegenteil in der zitierten Quelle selbst.
06
Interessenkonflikte in der Leitlinie
Dres. Koletzko, Mihatsch und Jochum wurden im Prozess der S3-Leitlinie „Stilldauer“ aufgrund erheblicher Interessenkonflikte von der AWMF selbst von allen Abstimmungen ausgeschlossen. Herr Jochum verließ die Leitliniengruppe. Die Herren Koletzko und Mihatsch verblieben ohne weitere Stimmrechte in der Leitlinie.
07
Interessenkonflikte Autoren
Drei der fünf Autoren deklarieren diverse finanzielle Zuwendungen von Danone, Nestlé, Hipp und Reckitt. Die argumentative Stoßrichtung des gesamten Artikels – kürzere Stillempfehlungen, daher frühere Beikosteinführung – deckt sich strukturell mit den wirtschaftlichen Interessen ebendieser Unternehmen. Die Deklaration ist formal korrekt. Das beschriebene Muster selektiver Quellennutzung und -interpretation ist im Zusammenhang mit den erheblichen Interessenkonflikten nicht nur eine Randnotiz.

Literaturverzeichnis

Quellen wie in Koletzko BV et al., Nutrients 2026;18(10):1498. Im KJA-Artikel weicht die Nummerierung um eins ab (PreventADALL dort Ref. 33 statt 32).

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